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Wie Hitlers Propaganda bis heute die deutsche Tierschutzdebatte prägt

In den letzten Wochen tobte ein bizarrer Streit um den Abschuss eines Wolfs in Niedersachsen durch die (sozialen) Medien. Was war geschehen?

In der Munsteraner Heide, auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz der Bundeswehr, hat sich ein großes Wolfsrudel angesiedelt. Der Wolf steht in Deutschland unter strengem Artenschutz und darf nicht gejagt werden. Zwischen Wolfsbefürwortern und Gegnern ist ein erbitterter Kampf darüber entbrannt, ob der Wolf jagdbar sein soll oder nicht. Bauernverbände und Jägerlobby sind dafür, NABU und Umweltschutzverbände strikt dagegen. Beide Seiten mit guten Argumenten.

Ein Wolf hat sich nicht an die Spielregeln gehalten und musste dafür mit seinem Leben bezahlen: Der Rüde „MT6“ – vom Volksmund „Kurti“ getauft – hatte seine Scheu vor den Menschen verloren und den Fehler begangen, einen angeleinten Hund anzugreifen. Grund genug für das Umweltministerium des Landes Niedersachsen, erstmalig die „Letalentnahme“ anzuordnen. Nach langen Diskussionen darüber, ob es nicht vielleicht doch humaner sei, ihn zu fangen und in ein Reservat einzusperren. Am 27. April 2016 erlegte ihn ein Scharfschütze der Polizei.

Seither kocht die Volksseele: Kurti wird auf Fanpages im Internet betrauert wie ein geliebtes Haustier, Verschwörungstheorien werden verbreitet, die Vorsitzende der Hamburger Tierschutzpartei „Ethia“, Bettina Jung, erstattete gegen den Niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) Strafanzeige und radikale Tierschützer fordern öffentlich dazu auf, der Familie, die wegen des Angriffes auf ihren Hund den Stein ins Rollen brachte, einen Besuch abzustatten:

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Über Sinn und Unsinn der Wiederansiedlung von Wölfen und deren Management in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft lässt sich trefflich streiten. Die Art und Weise, wie diese Debatte öffentlich geführt wird, lässt jedoch in tiefe Abgründe blicken. Diese Radikalität und Emotionalität offenbart weniger eine grenzenlose Tierliebe als vielmehr eine grenzenlose Menschenverachtung.

Dabei ist auch Tier nicht gleich Tier, denn die radikalen Tierschützer messen mit zweierlei Maß: Dem „edlen Wolf“ wird mehr Freiheit und Lebensrecht zugesprochen als den gerissenen Kälbern und Schafen. Den Haltern der Nutztiere, die für eine magere Entschädigung den langen Weg durch die bürokratischen Instanzen antreten müssen, wird das Recht zur Trauer abgesprochen. Ihnen begegnet man mit Häme und Unverständnis.

Die Schizophrenie der heutigen Tier- und Naturschutzpolitik ist längst nicht nur auf den Wolf beschränkt:

Einerseits werden Rehe und Hirsche zum Abschuss frei gegeben, weil sie sich von jungen Bäumen ernähren, andererseits wird mit millionenschwerem Aufwand die Wiederansiedlung des Biebers vorangetrieben, der allein in einer Woche mehrere Bäume fällt, teilweise mit schweren Folgen für die Passanten, denen die Bäume mitunter auf das Auto oder den Kopf krachen.

Im Privaten ist die Spendenbereitschaft groß wenn es darum geht, niedliche Tiere vor Elend und Tod zu bewahren. Tierschutz auf Spendenbasis ist ein milliardenschwerer Markt geworden. Hierbei siegt oft die Sentimentalität über die Vernunft: Da werden uralte Reitpferde „gerettet“ und unter hohem Kostenaufwand weit über ihre natürliche Lebenserwartung hinaus mit den Mitteln der modernen Tiermedizin am Leben erhalten. Auch mit dem Import von (teilweise eigens für die „Rettung“ gezüchteten) „Rettungshunden“ – vorzugsweise aus Südosteuropa – wurden hierzulande längst ausgerottete Tierkrankheiten und Seuchen reimportiert.

Auch die Essgewohnheiten Einzelner sind längst nicht mehr Privatsache. Im Internet tobt der Krieg militanter Veganer gegen den Rest der Welt. Da werden Fleischesser als Mörder diffamiert und Nutztierhaltung mit dem Holocaust verglichen. Schützenswert ist dabei nur der Kuscheltierfaktor. Das wirklich beunruhigende weltweite Bienensterben wird hingegen weitestgehend ignoriert. Es sind ja nur Insekten.

Woher kommt diese radikale Sentimentalität? Und was hat das nun mit den Nazis zu tun?

Vielfach wird der Initiative nazifreies Recht entgegengehalten, dass doch nicht alles schlecht war, was die nationalsozialistischen Gesetzgeber auf den Weg gebracht haben. Der Umwelt- und Tierschutz wird dabei zu allererst genannt. Wir werden gefragt, ob wir denn auch das Tierschutzgesetz abschaffen wollen. Grund genug für uns, den Tierschutzgedanken historisch zu hinterfragen.

Eines vorneweg: Hitler hat den Tierschutz nicht erfunden. Diese Annahme ist schlicht falsch.

Bereits der Babylonische König Hammurabi erstellte im Jahr 2000 v. Chr. das erste Regelwerk zum Umgang mit (Haus-)tieren. Auch die Gleichstellung von Tieren mit Sachen ist keine Erfindung des modernen Gesetzgebers, sondern geht auf das Römische Recht zurück. Erstmals wurden damit die Tiere als Objekte der Rechtsordnung wahrgenommen.

Das weltweit erste Tierschutzgesetz der Neuzeit, der sogenannte „Martin’s Act“, stellte in England erstmals im Jahr 1822 die grausame Behandlung von Nutzvieh unter Strafe. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde der Schutzgedanke von Nutzvieh auf Versuchstiere ausgedehnt. Erstmals wurde der Tierschutz für das gesamte Deutsche Reich im Jahre 1871 in das Reichsstrafgesetzbuch aufgenommen. Strafgrund blieb jedoch die Verletzung menschlicher Gefühle DURCH die Misshandlung der Tiere, nicht die Misshandlung selbst.

Im Bestreben, vermeintliche Auswüchse medizinischer Forschung zu begrenzen, stand vor allem die Vivisektion, also operative Eingriffe an lebenden Tieren zu Forschungszwecken, im Vordergrund. Die Ablehnung von Tierversuchen zu Forschungszwecken erhielt im 19. Jahrhundert zunehmend Rückhalt in der Bevölkerung, als Prominente wie beispielsweise der Komponist Richard Wagner sich das Thema zu eigen machten.

Besonders verbreitet war der Kampf gegen die Vivisektion in völkischen Milieus – kein Wunder, war die medizinische Forschung (nicht nur) in Deutschland doch charakterisiert durch eine merkliche Zahl jüdischer Forscher, die unter dem Deckmäntelchen des Tierschutzes an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden konnten.

Tatsächlich beschloss die Nazi-Regierung bereits am 1. April 1933, nur wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung, den Tierschutz aus dem Strafgesetzbuch herauszulösen und ein eigenes Reichstierschutzgesetz zu erlassen, dessen vierte Fassung am 24. November 1933 verabschiedet wurde. Erstmals wurden Tiere um ihrer selbst willen geschützt – bislang stand nur Nutzvieh unter Schutz. Verboten war fortan, „ein Tier unnötig zu quälen oder roh zu misshandeln“ – darunter fielen explizit das Kupieren von Pferdeschwänzen und die Verwendung von Grubenpferden. Der dritte Abschnitt regelte Tierversuche und reglementierte diese so rigoros wie noch nie zuvor. Damit wurde im Dritten Reich der Tierschutzgedanke weiterentwickelt.

Wie mitfühlend von Hitler und seinen Unterstützern! Oder doch nicht?

Tierschutz-Medaille

Den Machthabern war daran gelegen, den Tierschutzgedanken ideologisch aufzuladen. Insbesondere sollte die Propaganda deutlich machen, dass die germanischen Völker wesentlich tierlieber – und somit naturnäher – wären als die semitischen. Das gelang.

1934 erhielt Adolf Hitler die Goldmedaille für besondere Verdienste um den Schutz der Tiere von der Eichelberger Humane Award Foundation in Seattle (USA). Kein Wunder, dass sich viele Tierschützer daraufhin in der NSDAP wie zuhause fühlten. Tierquälerei wurde streng bestraft. Blockwarte und Kinder wurden dazu angehalten, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz umgehend zu melden. Besonders erfolgreiche Denunzianten wurden dafür mit der Adolf-Hitler-Medaille belohnt.

Den Spagat zwischen Tierliebe und Menschenverachtung schafften die Nazis mühelos. An KZ-Insassen wurden völlig ohne Hemmungen grausame medizinische Versuche durchgeführt. Zeitzeugen berichteten, wie der berüchtigte KZ-Arzt Dr. Mengele zum Beispiel einem Mann ohne Narkose oder Betäubung eine Niere entfernte und ihn danach wieder zur Arbeit schickte.

Aber auch bei den Nazis war Tier nicht gleich Tier. Während Versuche an höheren Tieren wie Hunden, Katzen, Affen und Pferden nur durchgeführt werden durften, wenn „durch Versuche an anderen Tieren der beabsichtigte Zweck nicht erreicht werden kann“ (§ 7 Abs. 5 Reichstierschutzgesetz), wurde an Meerschweinchen zur Entwicklung biologischer Kampfstoffe geforscht.

Das verkitscht-sentimentale Gedankengut des 19. Jahrhunderts übernahmen die nationalsozialistischen Tierschützer nahezu ungebrochen und nutzten sie geschickt zur Propaganda. Dass Hitler von engen Freunden wie Winifred Wagner ‚Wolf‘ genannt wurde und dass er sich häufig auf Bildern und Postkarten mit seiner Schäferhündin „Blondi“  ablichten ließ, passte in dieses Konzept. Weniger bekannt (aber durch Originalquellen belegt) ist, dass er Blondi und ihren Sohn „Wolf“ kurz vor dem Schluss im Führerbunker von einem Feldwebel namens Tornow vergiften ließ. Offenbar um die Wirkung des Giftes Zyankali im Tierversuch zu erproben, bevor er damit selbst aus dem Leben schied.

Der utilitaristische Tierschutz der Nazis überstand das Kriegsende und den Zusammenbruch des Dritten Reichs praktisch unbeschadet: Das Reichstierschutzgesetz blieb nach dem Krieg zunächst in beiden deutschen Ländern und Österreich weiter gültig. Das Bild des Natur- und Tierschutzes in der Nachkriegszeit wurde bis in die 1980er Jahre entscheidend geprägt vom NSDAP-Mitglied Prof. Bernhard Grzimek, der zweifellos große Verdienste um den Tier- und Naturschutz erworben hatte und mit seiner Fernsehsendung „Ein Platz für Tiere“ mit geschickter Selbstvermarktung Millionen an Spendengeldern generierte.

Das Tierschutzgesetz von heute hat sich von dem ideologischen Ballast der früheren Jahre befreit. Erst 1986 wurde in der Bundesrepublik der § 1 neu gefasst und die „Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ als Gesetzesgrundlage anerkannt, so dass sich der Schutzgedanke nicht mehr nur auf Wirbeltiere erstreckte. Es orientiert sich an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über das Schmerzempfinden von Tieren und ist – je nach Erkenntnisstand – ständigen Reformen unterworfen. Das ist auch gut so. Insofern legen wir großen Wert auf die Feststellung, dass wir an dieser Stelle nichts „abschaffen“ wollen. Eine menschenverachtende Tierschutzdebatte aufgrund sentimentaler Kuscheligkeitserwägungen statt auf der Basis von rationalen Überlegungen gilt es jedoch zu überdenken.

Tierschutz ist schließlich auch Menschenschutz.

Foto: Wikimedia

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