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Vom Mordfall Vera Brühne lernen – die Reform des Mordparagrafen von Heiko Maas ist mutig und gut!

Die durch Heiko Maas angestoßene Reform des Mordparagrafen ist richtig. Denn hohe Strafen schrecken nie ab. Die bisherige Norm ist ein Relikt der menschenverachtenden Nazizeit.

Zwei berühmte Urteile erklären das.

Die Februarnacht ist kalt. Die Frau sitzt vor dem Kamin und wartet auf ihren Geliebten. Der zwölf Jahre Jüngere kam immer öfter spät nach Hause. Oder gar nicht. Heute wollte er früh daheim sein. Es gibt viel zu besprechen. Über seine Nutten, die im gemeinsamen Schlafzimmer ein- und ausgingen. Darüber, wie gedemütigt sie sich durch ihn fühlt. Dass es so nicht mehr weitergeht.

Sie trinkt. Erst Wein, dann Gin. Sie verbrennt Fotos im Kamin. Irgendwann nach Mitternacht kommt er. Da liegt sie schon betrunken im Schlafzimmer. Auf harte Worte knallen Schüsse. Dann ist der Geliebte tot.

Die berühmte Schauspielerin Ingrid van Bergen hat Glück. Das Gericht wertet ihre Tat als Totschlag und verurteilt sie zu sieben Jahren Haft. Nach viereinhalb Jahren wird sie entlassen, der Rest der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Warum ist sie keine Mörderin? Weil sie ihren Kerl betrunken im Affekt erschossen hat. Sie kann nach der Haft zwar nicht mehr an ihre alten Erfolge als Schauspielerin anknüpfen. Aber sie ist in der Lage, ihr Leben eigenverantwortlich weiterzuführen.

Weniger Glück hat Vera Brühne. Das It-Girl der frühen 1960er-Jahre wird wegen gemeinschaftlichen Mordes an dem Gynäkologen Otto Praun und seiner Haushälterin zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Zunächst geht die Polizei von einem erweiterten Suizid aus. Vera Brühne kommt ins Visier der Fahnder, weil Otto Praun ihr ein lebenslanges Wohnrecht in seiner Finca in Spanien vermacht hatte. Zeitlebens streitet sie die Tat ab. Die Indizien, die zu ihrer Verurteilung führen, erweisen sich später teilweise als unhaltbar. Auch gibt es Hinweise, dass das Opfer Verbindungen zum internationalen Waffenhandel hatte. Trotzdem wird eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt. 1979 – nach 18 Jahren Haft – wird Vera Brühne schließlich von Franz Josef Strauß begnadigt. Heute gilt ihre Verurteilung als Justizirrtum.

Hätte Ingrid van Bergen ihren untreuen Geliebten nicht wie ein „ganzer Mann“ erschossen, sondern ihn hinterrücks erstochen oder ihn im Schlaf erstickt, dann hätte sie das Gericht wegen „heimtückischen Mordes“ auch als Mörderin zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilen müssen. Ohne Wenn und Aber. Aber hätte sie mit den „klassischen Waffen einer Frau“ getötet – wäre sie dann schuldiger gewesen?

Unlogisch und ungerecht

Das heute geltende Strafrecht ist in punkto Tötungsdelikt unlogisch und führt zu ungerechten Ergebnissen. Heimtücke ist definiert als die „Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers“. Während die Tatmethoden der körperlich schwachen Täter aufs Härteste mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft werden müssen, ist zum Beispiel die Tötung von Greisen oder Kleinkindern nicht zwingend als Mord zu bestrafen. Denn wenn sich die Opfer ohnehin nicht wehren können, dann kann man diese Arg-und Wehrlosigkeit auch nicht in besonderem Maße ausnutzen. Verkehrte Welt.

Die vorsätzliche Tötung eines Menschen ist immer eine schwere Straftat. Sie gehört hart bestraft.

Daran lässt auch der Gesetzesentwurf aus dem Hause Maas keinen Zweifel. Auch nach der Reform – wenn sie sich denn so durchsetzt – kann ein Täter, der einen Mord begangen hat, zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt werden, wenn es die Umstände nahelegen. Aber künftig haben die Richter mehr Spielraum, die Strafe entsprechend dem Unrechtsgehalt der Tat zu bemessen. Und das ist das große Verdienst der für die Reform Verantwortlichen!

Wer immer noch glaubt, man müsse den Täter bestrafen und nicht die Tat, der irrt.

Denn worum geht es bei Strafe? Um Sühne, Abschreckung und Resozialisierung.

Die meisten Morde geschehen im Beziehungsumfeld der Täter. Der Serienkiller aus dem Krimi ist eher die Ausnahme. Der Regelfall: Täter und Opfer kannten sich, der Konflikt ist alt, die Situation eskaliert. Mit dem Tode des Opfers – auch wenn das grausam  klingt – ist für den Mörder in den meisten Fällen das Problem gelöst. Von ihm geht für die Gesellschaft keine Gefahr mehr aus.

Warum also solche Täter auf Kosten des Steuerzahlers lebenslang einsperren? Ist den Angehörigen des Opfers wirklich immer und ausnahmslos damit geholfen, dass der Täter lebenslänglich sein Dasein hinter Gittern fristet? Und wie soll Resozialisierung – die dritte Säule der Strafjustiz – funktionieren, wenn Erwachsene über durchschnittlich 19 Jahre jegliche Selbstverantwortung im Knastalltag aufgeben mussten?

Wer vor 19 Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und in diesen Tagen begnadigt wird, weiß gar nicht, wie man einen Computer bedient und mit dem Internet umgehen soll. Sozialkontakte nach außen reduzieren sich bei zwei Besuchstagen im Monat auf die engste Verwandtschaft – sofern die überhaupt an Kontakt interessiert ist. Wie sollen diese Menschen wieder in den modernen Arbeitsalltag integriert werden? Darauf muss eine moderne Gesellschaft andere Antworten haben, als der völkischen Idee Roland Freislers vom „typischen Mörder“ nachzuhängen.

Abschreckung ist überschätzt

Was die Abschreckung durch hohe Strafen angeht – die wird völlig überschätzt. Jeder Täter hält sich für schlau genug, einer Strafverfolgung zu entgehen. Bestes Beispiel dafür ist die mangelnde Abschreckungswirkung der Todesstrafe.

Seit Jahren weisen Kriminologen anhand von Studien nach, dass die Mordrate in Ländern mit Todesstrafe nicht geringer ist als woanders.

Justizminister Maas hat Mut bewiesen. Die geplante Reform ist vielleicht sogar ein großer Wurf, nicht das übliche Flickwerk. Nach wie vor werden schlimme Taten angemessen bestraft. Es wird sogar in Zukunft mehr verurteilte Mörder geben. Bewertet wird jedoch die konkrete Tat. Danach wird die Strafe dem Täter zugemessen. Und er nicht mehr schematisch verurteilt.

Es bleibt zu hoffen, dass die Reform im anstehenden Gesetzgebungsverfahren nicht wieder zum Reförmchen verkommt.

Täterstrafrecht ist Nazirecht und einer modernen Gesellschaft unwürdig. Die Reform ist längst überfällig und ganz und gar nicht überflüssig. Die CSU setzt schon in ihren ersten Verlautbarungen wieder auf Abschreckung. Das kann und wird auch diesmal nicht funktionieren.

Foto: Rudi Dix

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