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Hans Filbinger: So hartnäckig wirkt Nazi-Rechtsdenken bis ins 21. Jahrhundert fort

Es wäre alles so schön gewesen – wenn Rolf Hochhuth damals den Mund gehalten hätte. Tat der Schriftsteller aber nicht: In der „Zeit“ nannte er den amtierenden Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Hans Filbinger am Rande eines Artikels einen „furchtbaren Juristen“ und bezog sich auf dessen Vergangenheit als Marinerichter.

Am 16. März 1945, das Dritte Reich hatte genau noch sieben Wochen vor sich, leitete Filbinger die Vollstreckung des Todesurteils gegen den Marinesoldaten Walter Gröger wegen Fahnenflucht. Filbinger hatte in der Verhandlung gegen Gröger als Staatsanwalt fungiert und durchgesetzt, dass ein vorangegangenes milderes Urteil zu acht Jahren Zuchthaus, drastisch verschärft wurde. Man beachte: Gröger war nicht tatsächlich desertiert, sondern lediglich der Truppe ferngeblieben. Er hatte die Flucht zwar vorbereitet, jedoch nicht vollendet. Für Filbinger war das egal. Todesstrafe.

Noch am 29. Mai 1945, also bereits drei Wochen nach der Kapitulation, saß Filbinger bereits in der Kriegsgefangenschaft (die Briten ließen die deutsche Militärgerichtsbarkeit für deutsche Gefangenen bestehen) einem Verfahren gegen den 24jährigen Kurt Olaf Petzold vor. Dieser hatte in der Gefangenschaft seinen Batteriechef mit “Ihr Nazihunde“ beschimpft. Sechs Monate Gefängnis verhängten Filbinger & Co. in diesem Fall. Ordnung muss sein, sogar im Gefangenenlager.

Mit seinen Anschuldigungen trat Hochhuth eine Lawine los, der Filbinger nicht gewachsen war. Zuerst behauptete er: „Es gibt kein einziges Todesurteil, das ich in der Eigenschaft als Richter gesprochen hätte.“ Dann versicherte, er habe nur an einem einzigen Todesurteil mitgewirkt. Ihm wurden jedoch drei weitere nachgewiesen. Filbingers  trotzige Klage gegen Hochhuth und insbesondere seine Verteidigungsstrategie ruinierten seinen Ruf.

„Was damals Rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein“ – dieses ihm zugeschriebene Zitat wurde letztendlich zu Filbingers Karriere-Sargnagel. Er blieb stur und verschloss sich jeder Diskussion. Seine uneinsichtige Haltung kostete ihn erst den Rückhalt in der eigenen Partei und schließlich das Amt. Am 7. August 1978 trat er als Ministerpräsident zurück.

Klüger wurde er jedoch auch nach dieser Zäsur nicht. Bis zu seinem Tod im Jahr 2007 bemühte sich Filbinger um politische Rehabilitierung, völlig unfähig, sein unheilvolles Handeln als Nazijurist zu erkennen und öffentlich einzugestehen. Zwar hat ihm niemand Fanatismus unterstellt, dennoch fehlte dem routinierten Mitläufer Filbinger zeitlebens der Mut zum entschiedenen Nein, zur deutlichen Distanzierung vom Naziunrecht.

Dass er dennoch (oder genau deshalb) Karriere machen konnte, bewies Filbinger sowohl in der Wissenschaft, im Militär als auch in der Politik – in ganz unterschiedlichen Biotopen.

Geboren wurde Hans Filbinger 1913 in Mannheim, der frühe Verlust der Mutter hinderte ihn nicht an der erfolgreichen Bildungskarriere mit Abitur, Doppelstudium von Jura und Nationalökonomie und schließlich der Promotion 1939 im Alter von 26 Jahren. Ein weiteres Jahr blieb er als Fakultätsassistent und Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg/Breisgau.

Filbingers wissenschaftliche Karriere hat vermutlich nicht darunter gelitten, dass er bereits 1933 in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, 1934 in die SA und 1937 in die NSDAP eintrat – nach eigenen Angaben aus „formalen“ Gründen.

Aber weiter: 1940 trat Filbinger freiwillig in die Kriegsmarine ein, absolvierte in den nächsten Jahren einen Offizierslehrgang, wurde zum Oberfähnrich befördert und verließ die Wehrmacht, weil er 1943 zum Marinerichter im Dienstbereich des Marineoberstkriegsgerichtsrats für den Bereich Nordsee ernannt worden war. 1945 in Oslo nahmen ihn die Briten gefangen.

Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wurde Filbinger in Freiburg als Rechtsanwalt tätig und nahm seine wissenschaftliche Karriere ohne größere Probleme wieder auf: 1947 berief man ihn in eine Sachverständigenkommission, die im Auftrag der amerikanischen Besatzungsbehörde ein deutsches Kartellrecht ausarbeiten sollte. Und auch nach dem Krieg war Filbinger darauf bedacht, die politische Karriere durch strategische Entscheidungen zu fördern: 1951 trat er in die CDU ein, saß von 1953 bis 1960 im Freiburger Stadtrat und schaffte 1958 als ehrenamtlicher Staatsrat für Südbaden den Sprung in die Landesregierung.

Im Mai 1958 errang er bei der Landtagswahl ein Direktmandat für den Wahlkreis Freiburg, im Juni 1960 machte ihn Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger zum Innenminister. 1966 wurde er Landesvorsitzender der südbadischen CDU. 1966 löste er Kiesinger als Ministerpräsident ab und wurde bei der Wahl 1968 in diesem Amt bestätigt. In den nächsten Jahren schien er als schwäbischer Landesvater unanfechtbar und wurde mit absoluten Mehrheiten in seinem Amt bestätigt. Sein Machtinstinkt und sein politisches Talent ließen ihn nie im Stich. Bis zu jenem Tag, als die neue Ausgabe der „Zeit“ an den Kiosken lag.

Foto: SWR/ privat

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