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Ein toter Nazi-Jurist ist treuester Begleiter jedes deutschen Jura-Studenten

Woran erkannte man im vordigitalen Zeitalter den Jurastudenten? An Wachsjacke und Schönfelder. So heißt die Sammlung deutscher Gesetze. Der „rote Ziegelstein“ im pflegeleichten Plastikeinband dient seit Generationen angehenden und praktizierenden Juristen als praktisches Handwerkszeug und standesgemäßes Accessoire.

1931 wurde das Werk vom sächsischen Amtsgerichtsrat Heinrich Schönfelder erschaffen und erschien 1935 in der 4. Auflage wegen seines ständig wachsenden Umfangs erstmals als Loseblattsammlung. Generationen von Hiwis verbrachten fortan ihre Arbeitsstunden damit, die jeweils neueste Fassung einzusortieren.

Der begeisterte Nationalsozialist Schönfelder versah das Parteiprogramm der NSDAP als „Grundlage der völkischen Rechtsordnung“ mit der Nummer 1. Es folgten unter den Nummern 2 bis 19 weitere einschlägige, nationalsozialistische Normen, wie etwa das Ermächtigungsgesetz und die Nürnberger Rassegesetze. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) von 1896, das bis heute Rechts- und Vertragsverhältnisse der Bürger untereinander regelt, kam erst an 20. Stelle. Bis heute gilt die ursprüngliche Nummerierung, auch wenn längst nicht mehr alle Gesetze darin vertreten sind.

Schönfelder (Jahrgang 1902) hatte Jura in Tübingen und Leipzig studiert und dort auch im Jahre 1925 sein erstes Staatsexamen abgelegt. Es folgten kurz darauf die Promotion über Benito Mussolinis Wahlrechtsreform und das zweite Staatsexamen 1930. Ab 1933 war Schönfelder Amtsgerichtsrat in Sachsen.

Der Karrierejurist trat am 1. April 1933 der NSDAP bei und engagierte sich in diversen Verbänden der NSDAP wie zum Beispiel im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen.

1940 ging Schönfelder, der sehr gut italienisch sprach, zur Luftwaffe und wurde 1942 Kriegsgerichtsrat der Wehrmacht in Italien. Nach einem Partisanenüberfall bei Canossa im Juli 1944 galt Schönfelder als vermisst und wurde Ende 1945 für tot erklärt.

Der Krieg und das Nazi-System waren Geschichte und der Nazi-Jurist Schönfelder offiziell tot. Aber das Standardwerk lebt bis heute unter seinem Namen fort.

Natürlich wurde das Parteiprogramm der NSDAP entfernt und durch das Grundgesetz ersetzt, 2002 wurde das Grundgesetz dann in den Ergänzungsband ausgelagert. Vielleicht aus Respekt vor dem grausigen Erbe hat man sich im juristischen Fachverlag C.H. Beck, dem Herausgeber der traditionsreichen Gesetzessammlung, bisher nicht getraut, wieder mit der logischen Nummer 1 zu beginnen. An erster Stelle steht heute das BGB. Nach wie vor mit der alten Nummer 20.

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